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Geheimcodes · WissenLesedauer 9 MinSprache & Codes
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Geheimcodes im Schweizer Arbeitszeugnis

Was Codes sind, warum sie problematisch sind — und wie sich dieselbe Botschaft als Klartext sagen lässt, ohne juristisches Risiko und ohne persönliche Verletzung.

  • Komplette Notenstufen-Liste
  • Klartext-Alternativen pro Code
  • Warum Codes juristisch riskant sind
Definition

Was sind Geheimcodes?

Geheimcodes (auch: Zeugniscodes, Verschlüsselungen) sind Formulierungen in Arbeitszeugnissen, die einer eingeweihten Leserschaft eine andere — meist negativere — Botschaft mitteilen als der nicht eingeweihten. Klassisches Beispiel: „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" wird in der Code-Tradition als Note 1 gelesen, „zu unserer Zufriedenheit" ohne Adverb dagegen als Note 4.

In der Schweiz sind Codes weit verbreitet, aber nicht gesetzlich geregelt. Sie haben sich in der Praxis über Jahrzehnte etabliert — und stehen heute zunehmend in der Kritik, juristisch wie gesellschaftlich.

Leistungsbeurteilung

Die klassische Notenstufen-Liste

So liest die klassische Code-Tradition die typischen Zufriedenheitsformeln. Der Klartext daneben zeigt, wie Kompass dasselbe sagen würde — ohne Code.

"… stets zu unserer vollsten Zufriedenheit …"
Note 1 (sehr gut)
Frau X erreichte ihre Jahresziele vollständig und übertraf sie in [konkretes Feld] um Y Prozent.
"… stets zu unserer vollen Zufriedenheit …"
Note 2 (gut)
Herr Y erfüllte die Anforderungen seiner Rolle zuverlässig; in [konkretes Feld] zeigte er überdurchschnittliche Ergebnisse.
"… zu unserer vollen Zufriedenheit …"
Note 3 (befriedigend)
Frau Z erfüllte die Anforderungen ihrer Rolle. In [konkretem Bereich] erzielte sie [konkretes Ergebnis].
"… zu unserer Zufriedenheit …"
Note 4 (ausreichend)
Herr A erfüllte die wesentlichen Anforderungen seiner Rolle. In [Bereich] gab es Entwicklungsbedarf, an dem in regelmässigen Mitarbeitendengesprächen gearbeitet wurde.
"… bemühte sich, die übertragenen Aufgaben zu erledigen …"
Note 5 (mangelhaft)
In [konkreten Aufgabenfeldern] wurden die Anforderungen nicht durchgängig erreicht; entsprechende Rückmeldungen wurden in Mitarbeitendengesprächen am [Daten] dokumentiert.
"… war stets bestrebt, den Anforderungen gerecht zu werden …"
unter Note 5
— Diese Formulierung sollte gar nicht verwendet werden. Wenn die Leistung dauerhaft nicht ausreichte, gehört das in dokumentierte Mitarbeitendengespräche und ggf. eine Trennung — nicht in eine doppelbödige Zeugnisformulierung.
Verhalten

Codes im Verhaltensteil

Hier wird besonders häufig codiert — etwa durch das Auslassen einer Personengruppe oder durch positiv klingende Floskeln mit verstecktem Verdachtskern.

"… vorbildliches Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden …"
Top-Verhalten
Im Team agierte Frau X kollegial und lösungsorientiert. Konflikte wurden früh angesprochen und konstruktiv geklärt.
"… einwandfreies Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen …"
Auffällig: Kunden fehlen
— Das Auslassen einer Gruppe (hier: Kunden) gilt im klassischen Code-Lesen als Hinweis auf Schwierigkeiten in dieser Beziehung. Statt zu codieren: konkret beschreiben oder weglassen.
"… trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei …"
Code: Alkoholproblem
— Diese Formulierung wird in der Code-Tradition als Verdachtshinweis gelesen. Sie ist juristisch riskant und verletzend. Wenn ein konkreter Anlass vorlag, gehört das in dokumentierte Gespräche, nicht in das Zeugnis.
"… zeigte Verständnis für seine Arbeit …"
Code: keine Leistung
— Vermeiden. Wenn die Person die Aufgaben nicht erfüllt hat, gehört das ehrlich und belegbar in die Leistungsbeurteilung — nicht in eine Floskel mit Doppelboden.
Vier Gründe

Warum sind Codes problematisch?

Klarheitsgebot verletzt

Eine Formulierung, die Branchenkundige anders verstehen als die betroffene Person, ist im rechtlichen Sinn problematisch. Das Zeugnis muss für Dritte verständlich sein.

Berichtigungsanspruch wird wahrscheinlicher

Wer Codes verwendet, muss vor Gericht plausibel machen, was die Codes bedeuten und ob sie der Wahrheit entsprechen. Das führt regelmässig zu Berichtigungsklagen.

Lesefehler kosten Karrieren

Codes werden uneinheitlich gelesen. Was eine HR-Person als „Note 3" liest, deutet die nächste als „Note 2". Das benachteiligt Bewerbende ohne Notwendigkeit.

Keine echte Information

Codes verschlüsseln genau die Information, die Empfängern helfen würde — nämlich konkrete Beobachtungen. Klartext sagt mehr und ist robuster.

Wie es besser geht

Vier Klartext-Alternativen

Die gleichen Botschaften — sachlich, beleg- und nachvollziehbar formuliert. Das ist der Kompass-Ansatz.

Beobachtbares Verhalten

Statt „war stets bestrebt" → „Im Projekt X erfüllte Herr Y die Anforderungen. Im Bereich Z wurden in Mitarbeitendengesprächen Entwicklungsschritte vereinbart."

Konkrete Beispiele

Statt „vollste Zufriedenheit" → „Sie erreichte die Quartalsziele zuverlässig und übertraf sie in Q3 um 12 Prozent."

Gewichtung statt Auslassung

Wenn ein Aspekt schwach war: ihn nicht weglassen (das wird als Code gelesen), sondern kürzer und sachlich beschreiben. Niemand erwartet ein perfektes Profil.

Schweigen, wo nichts zu sagen ist

Was nicht beobachtet wurde, gehört nicht ins Zeugnis. Eine Verhaltensbeurteilung „gegenüber Kunden" entfällt, wenn die Rolle keine Kundenkontakte hatte — ohne dass das negativ wirkt.

OR + Praxis

Was die Rechtslage sagt

Das Schweizer Bundesgericht hat das Klarheitsgebot in mehreren Entscheiden bekräftigt: Eine Formulierung, die für einen branchenkundigen Dritten anders gemeint ist als für die betroffene Person, kann den Berichtigungsanspruch begründen — selbst wenn sie nach klassischem Code-Verständnis zutreffend wäre.

Praktisch heisst das: Wer heute Codes verwendet, trägt das Risiko, im Streitfall die Bedeutung erklären und belegen zu müssen. Wer Klartext verwendet, trägt das (kleinere) Risiko, im Einzelfall zu präzisieren — was meist mit guten Gesprächsnotizen problemlos gelingt.

Mehr dazu auf der Seite OR Art. 330a und in unserer Erklärung zur Spannung Wohlwollen vs. Wahrheit.

FAQ

Häufige Fragen zu Geheimcodes

Was sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis?
Versteckte oder doppelbödige Formulierungen, mit denen Arbeitgeber Bewertungen verschlüsseln, ohne sie offen auszusprechen. Klassische Beispiele: „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" als verschlüsselte Note 1, „war stets bestrebt" als verschlüsselte Note 5. In der Schweizer Praxis sind solche Codes weit verbreitet, juristisch aber zunehmend angreifbar.
Sind Geheimcodes in der Schweiz erlaubt?
Nicht ausdrücklich verboten — aber sie verletzen das Klarheitsgebot, das aus Art. 330a OR und der Lehre folgt. Eine Formulierung, die für einen branchenkundigen Dritten anders gemeint ist als für die betroffene Person, ist juristisch riskant. Im Zweifel gewinnt im Berichtigungsstreit die Person, nicht der Arbeitgeber.
Welche Codes gibt es in Schweizer Arbeitszeugnissen besonders häufig?
Die Notenstufen über das „Zufriedenheitsadverb": „stets vollste" = 1, „stets volle" = 2, „volle" = 3, „Zufriedenheit" ohne weitere Bestimmung = 4, „bemühte sich" = 5. Im Verhalten gilt das Auslassen einer Gruppe (etwa Kunden) als Hinweis auf Schwierigkeiten. Auch positive Floskeln wie „trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei" haben eine Code-Tradition als Verdachtsformulierung.
Warum verzichtet ZeugnisPilot bewusst auf Codes?
Weil sie der Schwerpunktaufgabe eines Arbeitszeugnisses zuwiderlaufen: einer Drittperson eine sachliche Einschätzung der Arbeit zu geben. Codes verschlüsseln genau die Information, die Empfänger benötigen. Der Kompass Standard nutzt stattdessen beobachtbares Verhalten und konkrete Beispiele — für beide Seiten fairer und juristisch robuster.
Was, wenn ich Codes in einem erhaltenen Zeugnis vermute?
Sie haben einen Berichtigungsanspruch. Beanstanden Sie konkrete Stellen schriftlich, mit Beleg, was Sie als problematisch lesen und welche Formulierung Sie als sachgerecht empfänden. Der Arbeitgeber muss seine Beurteilung dann nachvollziehbar begründen.
Kann ich als Arbeitgeber heute noch Codes verwenden?
Sie können — aber die Risiken steigen. Berichtigungsklagen werden häufiger, Gerichte interpretieren das Klarheitsgebot strenger, und neuere HR-Generationen lehnen Codes ab. Wer heute neu beginnt, fährt mit Klartext nach Kompass Standard rechtlich und prozessual besser.
Wie prüfe ich automatisch, ob Codes im Entwurf stehen?
ZeugnisPilots Compliance-Check prüft jeden Entwurf gegen typische Code-Muster und markiert Befunde mit Begründung. Sie entscheiden pro Befund: annehmen, ablehnen oder überschreiben — der Audit-Trail dokumentiert Ihre Wahl.

Kein Code, kein Code-Risiko

ZeugnisPilots Compliance-Check prüft jeden Entwurf gegen die typischen Schweizer Code-Muster und schlägt Klartext-Alternativen vor — pro Befund mit Begründung.