Geheimcodes im Schweizer Arbeitszeugnis
Was Codes sind, warum sie problematisch sind — und wie sich dieselbe Botschaft als Klartext sagen lässt, ohne juristisches Risiko und ohne persönliche Verletzung.
- Komplette Notenstufen-Liste
- Klartext-Alternativen pro Code
- Warum Codes juristisch riskant sind
Was sind Geheimcodes?
Geheimcodes (auch: Zeugniscodes, Verschlüsselungen) sind Formulierungen in Arbeitszeugnissen, die einer eingeweihten Leserschaft eine andere — meist negativere — Botschaft mitteilen als der nicht eingeweihten. Klassisches Beispiel: „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" wird in der Code-Tradition als Note 1 gelesen, „zu unserer Zufriedenheit" ohne Adverb dagegen als Note 4.
In der Schweiz sind Codes weit verbreitet, aber nicht gesetzlich geregelt. Sie haben sich in der Praxis über Jahrzehnte etabliert — und stehen heute zunehmend in der Kritik, juristisch wie gesellschaftlich.
Die klassische Notenstufen-Liste
So liest die klassische Code-Tradition die typischen Zufriedenheitsformeln. Der Klartext daneben zeigt, wie Kompass dasselbe sagen würde — ohne Code.
Codes im Verhaltensteil
Hier wird besonders häufig codiert — etwa durch das Auslassen einer Personengruppe oder durch positiv klingende Floskeln mit verstecktem Verdachtskern.
Warum sind Codes problematisch?
Klarheitsgebot verletzt
Eine Formulierung, die Branchenkundige anders verstehen als die betroffene Person, ist im rechtlichen Sinn problematisch. Das Zeugnis muss für Dritte verständlich sein.
Berichtigungsanspruch wird wahrscheinlicher
Wer Codes verwendet, muss vor Gericht plausibel machen, was die Codes bedeuten und ob sie der Wahrheit entsprechen. Das führt regelmässig zu Berichtigungsklagen.
Lesefehler kosten Karrieren
Codes werden uneinheitlich gelesen. Was eine HR-Person als „Note 3" liest, deutet die nächste als „Note 2". Das benachteiligt Bewerbende ohne Notwendigkeit.
Keine echte Information
Codes verschlüsseln genau die Information, die Empfängern helfen würde — nämlich konkrete Beobachtungen. Klartext sagt mehr und ist robuster.
Vier Klartext-Alternativen
Die gleichen Botschaften — sachlich, beleg- und nachvollziehbar formuliert. Das ist der Kompass-Ansatz.
Beobachtbares Verhalten
Statt „war stets bestrebt" → „Im Projekt X erfüllte Herr Y die Anforderungen. Im Bereich Z wurden in Mitarbeitendengesprächen Entwicklungsschritte vereinbart."
Konkrete Beispiele
Statt „vollste Zufriedenheit" → „Sie erreichte die Quartalsziele zuverlässig und übertraf sie in Q3 um 12 Prozent."
Gewichtung statt Auslassung
Wenn ein Aspekt schwach war: ihn nicht weglassen (das wird als Code gelesen), sondern kürzer und sachlich beschreiben. Niemand erwartet ein perfektes Profil.
Schweigen, wo nichts zu sagen ist
Was nicht beobachtet wurde, gehört nicht ins Zeugnis. Eine Verhaltensbeurteilung „gegenüber Kunden" entfällt, wenn die Rolle keine Kundenkontakte hatte — ohne dass das negativ wirkt.
Was die Rechtslage sagt
Das Schweizer Bundesgericht hat das Klarheitsgebot in mehreren Entscheiden bekräftigt: Eine Formulierung, die für einen branchenkundigen Dritten anders gemeint ist als für die betroffene Person, kann den Berichtigungsanspruch begründen — selbst wenn sie nach klassischem Code-Verständnis zutreffend wäre.
Praktisch heisst das: Wer heute Codes verwendet, trägt das Risiko, im Streitfall die Bedeutung erklären und belegen zu müssen. Wer Klartext verwendet, trägt das (kleinere) Risiko, im Einzelfall zu präzisieren — was meist mit guten Gesprächsnotizen problemlos gelingt.
Mehr dazu auf der Seite OR Art. 330a und in unserer Erklärung zur Spannung Wohlwollen vs. Wahrheit.
Häufige Fragen zu Geheimcodes
Was sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis?
Sind Geheimcodes in der Schweiz erlaubt?
Welche Codes gibt es in Schweizer Arbeitszeugnissen besonders häufig?
Warum verzichtet ZeugnisPilot bewusst auf Codes?
Was, wenn ich Codes in einem erhaltenen Zeugnis vermute?
Kann ich als Arbeitgeber heute noch Codes verwenden?
Wie prüfe ich automatisch, ob Codes im Entwurf stehen?
Kein Code, kein Code-Risiko
ZeugnisPilots Compliance-Check prüft jeden Entwurf gegen die typischen Schweizer Code-Muster und schlägt Klartext-Alternativen vor — pro Befund mit Begründung.