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Geheimcodes im Schweizer Arbeitszeugnis

Was Codes sind, warum sie problematisch sind — und wie sich dieselbe Botschaft als Klartext sagen laesst, ohne juristisches Risiko und ohne persoenliche Verletzung.

  • Komplette Notenstufen-Liste
  • Klartext-Alternativen pro Code
  • Warum Codes juristisch riskant sind
Definition

Was sind Geheimcodes?

Geheimcodes (auch: Zeugniscodes, Verschluesselungen) sind Formulierungen in Arbeitszeugnissen, die einer eingeweihten Leserschaft eine andere — meist negativere — Botschaft mitteilen als der nicht eingeweihten. Klassisches Beispiel: "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" wird in der Code-Tradition als Note 1 gelesen, "zu unserer Zufriedenheit" ohne Adverb dagegen als Note 4.

In der Schweiz sind Codes weit verbreitet, aber nicht gesetzlich geregelt. Sie haben sich in der Praxis ueber Jahrzehnte etabliert — und stehen heute zunehmend in der Kritik, juristisch wie gesellschaftlich.

Leistungsbeurteilung

Die klassische Notenstufen-Liste

So liest die klassische Code-Tradition die typischen Zufriedenheitsformeln. Der Klartext daneben zeigt, wie Kompass dasselbe sagen wuerde — ohne Code.

"… stets zu unserer vollsten Zufriedenheit …"
Note 1 (sehr gut)
Frau X erreichte ihre Jahresziele vollstaendig und uebertraf sie in [konkretes Feld] um Y Prozent.
"… stets zu unserer vollen Zufriedenheit …"
Note 2 (gut)
Herr Y erfuellte die Anforderungen seiner Rolle zuverlaessig; in [konkretes Feld] zeigte er ueberdurchschnittliche Ergebnisse.
"… zu unserer vollen Zufriedenheit …"
Note 3 (befriedigend)
Frau Z erfuellte die Anforderungen ihrer Rolle. In [konkretem Bereich] erzielte sie [konkretes Ergebnis].
"… zu unserer Zufriedenheit …"
Note 4 (ausreichend)
Herr A erfuellte die wesentlichen Anforderungen seiner Rolle. In [Bereich] gab es Entwicklungsbedarf, an dem in regelmaessigen Mitarbeitendengespraechen gearbeitet wurde.
"… bemuehte sich, die uebertragenen Aufgaben zu erledigen …"
Note 5 (mangelhaft)
In [konkreten Aufgabenfeldern] wurden die Anforderungen nicht durchgaengig erreicht; entsprechende Rueckmeldungen wurden in Mitarbeitendengespraechen am [Daten] dokumentiert.
"… war stets bestrebt, den Anforderungen gerecht zu werden …"
unter Note 5
— Diese Formulierung sollte gar nicht verwendet werden. Wenn die Leistung dauerhaft nicht ausreichte, gehoert das in dokumentierte Mitarbeitendengespraeche und ggf. eine Trennung — nicht in eine doppelboedige Zeugnisformulierung.
Verhalten

Codes im Verhaltensteil

Hier wird besonders haeufig codiert — etwa durch das Auslassen einer Personengruppe oder durch positiv klingende Floskeln mit verstecktem Verdachtskern.

"… vorbildliches Verhalten gegenueber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden …"
Top-Verhalten
Im Team agierte Frau X kollegial und loesungsorientiert. Konflikte wurden frueh angesprochen und konstruktiv geklaert.
"… einwandfreies Verhalten gegenueber Vorgesetzten und Kollegen …"
Auffaellig: Kunden fehlen
— Das Auslassen einer Gruppe (hier: Kunden) gilt im klassischen Code-Lesen als Hinweis auf Schwierigkeiten in dieser Beziehung. Statt zu codieren: konkret beschreiben oder weglassen.
"… trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei …"
Code: Alkoholproblem
— Diese Formulierung wird in der Code-Tradition als Verdachtshinweis gelesen. Sie ist juristisch riskant und verletzend. Wenn ein konkreter Anlass vorlag, gehoert das in dokumentierte Gespraeche, nicht in das Zeugnis.
"… zeigte Verstaendnis fuer seine Arbeit …"
Code: keine Leistung
— Vermeiden. Wenn die Person die Aufgaben nicht erfuellt hat, gehoert das ehrlich und belegbar in die Leistungsbeurteilung — nicht in eine Floskel mit Doppelboden.
Vier Gruende

Warum sind Codes problematisch?

Klarheitsgebot verletzt

Eine Formulierung, die Branchenkundige anders verstehen als die betroffene Person, ist im rechtlichen Sinn problematisch. Das Zeugnis muss fuer Dritte verstaendlich sein.

Berichtigungsanspruch wird wahrscheinlicher

Wer Codes verwendet, muss vor Gericht plausibel machen, was die Codes bedeuten und ob sie der Wahrheit entsprechen. Das fuehrt regelmaessig zu Berichtigungsklagen.

Lesefehler kosten Karrieren

Codes werden uneinheitlich gelesen. Was eine HR-Person als "Note 3" liest, deutet die naechste als "Note 2". Das benachteiligt Bewerbende ohne Notwendigkeit.

Keine echte Information

Codes verschluesseln genau die Information, die Empfaengern helfen wuerde — naemlich konkrete Beobachtungen. Klartext sagt mehr und ist robuster.

Wie es besser geht

Vier Klartext-Alternativen

Die gleichen Botschaften — sachlich, beleg- und nachvollziehbar formuliert. Das ist der Kompass-Ansatz.

Beobachtbares Verhalten

Statt "war stets bestrebt" → "Im Projekt X erfuellte Herr Y die Anforderungen. Im Bereich Z wurden in Mitarbeitendengespraechen Entwicklungsschritte vereinbart."

Konkrete Beispiele

Statt "vollste Zufriedenheit" → "Sie erreichte die Quartalsziele zuverlaessig und uebertraf sie in Q3 um 12 Prozent."

Gewichtung statt Auslassung

Wenn ein Aspekt schwach war: ihn nicht weglassen (das wird als Code gelesen), sondern kuerzer und sachlich beschreiben. Niemand erwartet ein perfektes Profil.

Schweigen, wo nichts zu sagen ist

Was nicht beobachtet wurde, gehoert nicht ins Zeugnis. Eine Verhaltensbeurteilung "gegenueber Kunden" entfaellt, wenn die Rolle keine Kundenkontakte hatte — ohne dass das negativ wirkt.

OR + Praxis

Was die Rechtslage sagt

Das Schweizer Bundesgericht hat das Klarheitsgebot in mehreren Entscheiden bekraeftigt: Eine Formulierung, die fuer einen branchenkundigen Dritten anders gemeint ist als fuer die betroffene Person, kann den Berichtigungsanspruch begruenden — selbst wenn sie nach klassischem Code-Verstaendnis zutreffend waere.

Praktisch heisst das: Wer heute Codes verwendet, traegt das Risiko, im Streitfall die Bedeutung erklaeren und belegen zu muessen. Wer Klartext verwendet, traegt das (kleinere) Risiko, im Einzelfall zu praezisieren — was meist mit guten Gespraechsnotizen problemlos gelingt.

Mehr dazu auf der Seite OR Art. 330a und in unserer Erklaerung zur Spannung Wohlwollen vs. Wahrheit.

FAQ

Haeufige Fragen zu Geheimcodes

Was sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis?
Versteckte oder doppelboedige Formulierungen, mit denen Arbeitgeber Bewertungen verschluesseln, ohne sie offen auszusprechen. Klassische Beispiele: "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" als verschluesselte Note 1, "war stets bestrebt" als verschluesselte Note 5. In der Schweizer Praxis sind solche Codes weit verbreitet, juristisch aber zunehmend angreifbar.
Sind Geheimcodes in der Schweiz erlaubt?
Nicht ausdruecklich verboten — aber sie verletzen das Klarheitsgebot, das aus Art. 330a OR und der Lehre folgt. Eine Formulierung, die fuer einen branchenkundigen Dritten anders gemeint ist als fuer die betroffene Person, ist juristisch riskant. Im Zweifel gewinnt im Berichtigungsstreit die Person, nicht der Arbeitgeber.
Welche Codes gibt es in Schweizer Arbeitszeugnissen besonders haeufig?
Die Notenstufen ueber das "Zufriedenheitsadverb": "stets vollste" = 1, "stets volle" = 2, "volle" = 3, "Zufriedenheit" ohne weitere Bestimmung = 4, "bemuehte sich" = 5. Im Verhalten gilt das Auslassen einer Gruppe (etwa Kunden) als Hinweis auf Schwierigkeiten. Auch positive Floskeln wie "trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei" haben eine Code-Tradition als Verdachtsformulierung.
Warum verzichtet ZeugnisPilot bewusst auf Codes?
Weil sie der Schwerpunktaufgabe eines Arbeitszeugnisses zuwiderlaufen: einer Drittperson eine sachliche Einschaetzung der Arbeit zu geben. Codes verschluesseln genau die Information, die Empfaenger benoetigen. Der Kompass Standard nutzt stattdessen beobachtbares Verhalten und konkrete Beispiele — fuer beide Seiten fairer und juristisch robuster.
Was, wenn ich Codes in einem erhaltenen Zeugnis vermute?
Sie haben einen Berichtigungsanspruch. Beanstanden Sie konkrete Stellen schriftlich, mit Beleg, was Sie als problematisch lesen und welche Formulierung Sie als sachgerecht empfaenden. Der Arbeitgeber muss seine Beurteilung dann nachvollziehbar begruenden.
Kann ich als Arbeitgeber heute noch Codes verwenden?
Sie koennen — aber die Risiken steigen. Berichtigungsklagen werden haeufiger, Gerichte interpretieren das Klarheitsgebot strenger, und neuere HR-Generationen lehnen Codes ab. Wer heute neu beginnt, faehrt mit Klartext nach Kompass Standard rechtlich und prozessual besser.
Wie pruefe ich automatisch, ob Codes im Entwurf stehen?
ZeugnisPilots Compliance-Check pruefe jeden Entwurf gegen typische Code-Muster und markiert Befunde mit Begruendung. Sie entscheiden pro Befund: annehmen, ablehnen oder ueberschreiben — der Audit-Trail dokumentiert Ihre Wahl.

Kein Code, kein Code-Risiko

ZeugnisPilots Compliance-Check pruefe jeden Entwurf gegen die typischen Schweizer Code-Muster und schlaegt Klartext-Alternativen vor — pro Befund mit Begruendung.